Dienstag, 21. August 2012

Holzwege der Leidenschaften Folge 15625447


Mach doch mal was mit Pussy Riot
oder:
  Ich find irgendwie die Ramones besser. 



Auch wenn mich bereits böse Blicke von "Freundinnen" trafen, gegen die ich mir ein Reflektorschild gewünscht hätte und man mir  Bedenkenträgerei vorwarf, mir  war dieser Pussy-Zirkus von Tag 1 an suspekt.


 


Inzwischen geben mir meine Recherchen recht: Wer sich schon mal die Frage gestellt hat, warum der Support seitens der russischen Bevölkerung gegenüber Pussy Riot vergleichsweise eher verhalten ist, der kommt ganz schnell  zu dem Schluss, dass das gesamte russische Volk gewisslich dermassen gebrainwashed von Putins Angst -und Schreckensregierung ist, dass sich kein Mensch mehr ein offenes Wort zu sagen traut, wenn ihm nicht Folter und Arbeitslager als Alternative zu einem Lebensentwurf in  unfassbarem Elend und Polizeiherrschaft  angenehmer erscheinen.
Vielleicht haben die Russen aber auch einen entscheidenden Vorteil uns gegenüber: Die können russisch!






Ich halte den Protest gegen Putin nicht für grundsätzlich falsch und Kritik muss sein. Ich denke nur, dass die Vorgehensweise von Pussy Riot nebst der von der mehr oder weniger dazugehörigen Kunstgruppe  Voina keinen wertvollen Beitrag zu einer Verbesserung der wirklichen Zustände  im Land  leisten kann. Ich will mir über diese Umstände aber auch kein Urteil anmaßen, denn dazu habe ich viel zu wenig Einblick

Dennoch. Der Zugang zu Informationen, die uns aufgrund einer schnöden Sprachbarriere vorenthalten bleiben, scheint mir - wie es der Zugang zu Infos nun mal eben immer ist - Gold wert. Denn eins möchte ich im Zeichen von Verhaltensästhetik und Stilsicherheit feststellen:

Es erspart den Russen anscheinend eine Sintflut selbstdarstellerischer Soli-Aktionen und Video-Drehs seitens der eigenen Bevölkerung. Es gibt keine russische "Punk-Diva" Peaches, die hier  dem Irrtum aufläuft, hier handle es sich um Punk-Musik; keine russische Gay-Szene die Pussy Riot aus Versehen für ihre neuen Märtyrer hält und leider  putzig-naiver-weise außer Betracht lässt, dass sie - außer von Deppen diskriminiert zu werden - durchaus ein kaufkräftiger Absatz-Markt ist, den es dringend einzunehmen gilt; keine russische Feministen-Liga, die ihre neuen Heldinnen feiert (Wer die Hintergründe kennt weiß, dass sämtliche Aktionen von Voina und Pussy Riot von - offensichtlich heterosexuellen -  Männern  initiiert und);  keine russische Patti Smith, die auf Nachfrage gar keine Ahnung hat, was passiert ist, aber auf jeden Fall schon mal dagegen ist; keine russische Madonna (!!!), keinen russischen Sting... Kritische Stimmen aus dem russischen Inland sollten wir vielleicht auch nicht überhören

Es gibt auch keine russische Amnesty-International-Seite auf der seit Wochen Hinweise auf Massaker hier und Folteropfer da  im Pussy-Riot-Posting-Meer sämtlicher dort vereinigter Betroffenheits-Kläuse versinken, so wie auf der Facebook-Seite von Amnesty International USA, die sich anscheinend voll und ganz nur noch der Rettung der drei Drama-Opfer  mit tatkräftiger Unterstützung ihres dauertwitternden Kollegen Verzilov verschrieben hat.




Eine Zeit lang dachte ich mir noch: "Cool, wie die die Leute verarschen!" Aber inzwischen grauts mir nur noch! Und: Immer, immer, immer wenn es unter dem Deckmantel von Betroffenheit und vorgegebener Menschenliebe stattfindet ist den größten Narzissten und Arschlöchern der Applaus der  bedauernswerten breiten Massen sicher. Was im Hintergrund geschieht wird ausgeblendet, weil man unbedingt irgendwelche Götzen anbeten will. Auch wenn man denkt, man wäre gar nicht religiös.


Halt, nein Moment was rede ich denn, was ist so "cool" an der Gemeinheit wildfremde Personen in dieser Form zu verarschen? Worin besteht das Erhabene und Genussvolle willkürlich Leuten, die einem so gar nichts getan haben, bevorzugt von vornherein auf den Sack zu gehen,  anstatt einen aufmunternden und  erhellenden Beitrag zu dieser eh schon von Scheißdreck überladenen Erde zu leisten?
Wo ist die Kunst, die aus Liebe und Hingabe entstanden ist, aus einer heiteren und liebevollen Vision und wo sind die präzisen Denker, wo ist die erstaunliche Kunstfertigkeit, das Talent und all das was nicht geklaut, gecopy&pastet ist, das, was einer eigenen Idee entspringt, in freudigem Schaffen entsteht und zur Erbauung dienlich ist? Wo denn? Und wo ist da der feine Sinn für Humor?

Ich hab mir abgewöhnt irgendwas für Humor zu halten, worüber ich nicht herzlich und fröhlich lachen kann, sondern zunächst grinsen muss. Ich verabscheue dieses Grinsen, ihm fehlt jedwedes Wohlbehagen, jeder echte tiefe Genuss und jede Lebensfreude. Es ist ein Scheiß-Humor und mich durchströmt das nicht stimulierende Gefühl, eines innerkörperlichen endorphinzersetzenden Toxinausstosses, der sich in jeder Zelle festsetzt, mich frösteln läßt, meine Gesichtsmuskulatur lähmt, die Mundwinkel nur widerwillig nach oben schraubt und mich mit jeder Sekunde, die ich diese Grimasse halten kann, hässlicher, ja hässlicher, werden lässt. Innen wie außen.







Und diese Haftstrafe, die nun folgt, ist das wirklich nur, weil Russland in Unfreiheit, Angst und Schrecken lebt und wir uns im Westen alles erlauben können?  Wirklich alles!? Können wir das?

Ich behaupte auch auf einer sog. westlichen Kunsthochschule ist nicht alles erlaubt. Auch wenn ein Verbot nicht offen ausgesprochen wird, so finden sich andere Mittel und Wege des Boykotts von Sonstwiedenkenden, wie nicht-weitergeleitete Emails, Termine und Informationen und das mauschelige  Versperren des Zugangs zu allgemeinen Fördermittel, die eigentlich allen Studierenden zustehen, gezielte Disinformation und kreatives Pisacken, und zugleich so gewöhnlich wie in jedem Stadtkrankenhaus, jeder Mode-Boutique oder gar Verwaltungsbehörde von der sich die akademische Kunstwelt ja gemeinhin so besonders weit entfernt glaubt. Seh ich anders.


Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht der Meinung, dass alle Begabten per se weggemobbt werden und sich nur der Schund durchsetzt, nur der Schleimer vorankommt und nur der Gefälligste  Aussicht auf Erfolg hat. Ich sage nur: Das vermeintlich Putin'sche sitzt nicht nur im Gehirn des Vladimir Putin selbst. Die Staatsherren dieser Erde haben den Dogmatismus und die Unfähigkeit ihr eigenes Handeln zu transzendieren nicht für sich allein gepachtet. Es ist nicht der Staat allein, der die (Kunst)freiheit beschneidet.
Es ist sind dein Chef oder deine Kommilitonen und dein Professor ebenso wie deine Mutter, dein Ehemann und womöglich sogar Du selbst. Auch in deinem Hirn befindet sich vielleicht ein kleines Polizeiauto, dass man  mal  anzünden sollte!?





Ich frage mich inzwischen, wie liberal und tolerant ein Land eigentlich noch sein, kann, wenn dort  (seit 2006) sogenannte Künstler ungestraft (im Beisein von Kindern) mit einem toten Hühnchen im Supermarkt masturbieren dürfen, ebenda Selbstmordszenarien vorspielen, einen Polizeibeamten ungesühnt mit Torte beschmieren,  Essensreste in der U-Bahn zurücklassen, die dann andere wegräumen dürfen, im Gericht herumkrakelen, Ladendiebstahl begehen,  Autos anzünden, in einem Museum öffentlich kopulieren und ähnlichen groben Unfug anrichten, ohne dass nicht irgendwann mal der Punkt kommt, an dem es reicht. Ich finde das nicht sonderlich "provokant", einfach nur einfallslos und plump.


So suchten Voina, nebst zukünftigen Mitgliedern von Pussy Riot, 2008 eine Polizeistation auf, um dort Polizisten zu provozieren und zu beleidigen. ("Voina Art Group humilates Police-Officer" heißt das Video) . Pussy-Riot Front-Frau Nadja trägt ihr gerade neu geborenes Baby im Arm, das später noch bewusst für diese Aktion eingesetzt wird. Der Polizeibeamte war am Ende mit Torte beschmiert und seine Unterlagen von Tee durchnässt. Der Mann rief nicht nach einer Truppe bewaffneter Kollegen, die die jungen Troublemaker sofort in Haft setzen wollten, sondern ließ sich auch noch   widerwillig auf eine Diskussion ein. Am Ende durften die "Kunstschaffenden" das Gebäude lachend verlassen. Folgen: Keine!



























Ich kann verstehen, dass man Polizisten  eher wenig Vertrauen schenkt und ich bin mir sicher, dass es in aller Welt völlig untolerierbare Übergriffe seitens der Uniformierten gibt. Doch muss man sich auch nicht wundern, dass, wenn man jemanden unentwegt mit einer Stricknadel triezt, der dann irgendwann mit einer Keule zurückschlägt. Wer die Videos von Voina kennt kann schnell selbst feststellen, dass die Konfrontationen mit der Polizei nicht etwa bei zuvor friedlichen Demonstrationen eskaliert sind, sondern dass die Polizei von den  wundersamen "Kunstschaffenden" gezielt angegriffen wurde. 





Erklärt mir den künstlerischen Wert einer Voina-Aktion (Verzilov betont immer wieder - auch beim Friedenskongress in Oslo, dass sie Teil der Gruppe sind - und Nadja, er und Voina haben wohl eine gemeinsame Polizeiakte. Es gibt einen Blog im Internet, in dem ALLE Anklagen gehen Voina und deren  Beteiligte abfotografiert sind)  bei der eine Horde junger Eltern in einen Supermarkt einfallen darf, dem Kind gestattet ein Hühnchen auf den Boden zu werfen und darauf zu treten, bevor es für den nächsten Kunden wieder im Regal landet,  und das unter dem Gelächter der Mutter, die später in der Ecke des Supermarktes ein halbes Hühnchen aus einer Packung holt, damit mastubiert und es sich am Schluß in die "Pussy" schiebt, um so den Supermarkt zu verlassen? Verzilov distanziert sich nicht von dieser Aktion oder von Voina!
























Weiß jemand genau Bescheid, worin der künstlerische Anspruch besteht in einem Moskauer Museum öffentlich zu ficken und ein Poster dieser Aktion später seinem Kleinkind zu zeigen?












Warum müssen Säuglinge und Kleinkinder an Demonstrationen teilnehmen, bei denen man Übergriffe seitens der Polizei befürchten muss?






Die Anklageschrift gegen "Pussy Riot" - die man wegen dieses extrem beschissenen Namens allein nicht belangen kann (hihi) - schien zudem übermäßig umfassend - für nur einen einzigen Auftritt... Wenn man sich nur ein wenig mit Voina beschäftigt wird schnell klar, warum das so ist. Diverse Male wurde sämtliche Mitglieder - und das seit insgesamt 6 Jahren - (beider Voina-Faktionen, die sich nach einem Zerwürfnis unfriedlich getrennt und im Internet bereits eine Schlammschlacht mit gegenseitigem Anzeigen bei der Polizei geliefert haben, wobei Voina inzwischen Pussy Riot wieder unterstützt) gewarnt, dass ihre Machenschaften in der Folge Gefängnisstrafen von bis zu 7 Jahren nach sich ziehen könnten und sie auch, wenn sie die Kinder zu den Aktionen mitnehmen und gefährden,  das Sorgerecht dabei aufs Spiel setzen. 

Genau darüber haben sich weltweit die meisten Menschen echauffiert, aber wen verwundert es, angesichts solcher Vorlagen? Natürlich sollte man NIEMANDEN wegen seiner Kunst ins Gefängnis schicken. Aber erstens wurden hier nicht erst alle friedlichen Mittel ausgeschöpft bevor man zur Gewalt! griff und zweitens ist das zerstörerisch, grenzüberschreitend und gefährdet das Recht auf Freiheit und Sicherheit anderer Menschen.




Derweil wird von Verzilov wird so dermaßen auf die Tränendrüse gedrückt, dass einem ganz lull und lall zumute wird. Habt ihr euch mal angesehen, wie unseriös sich Mann in der Öffentlichkeit auftritt? Dieser hinterlistige Sittenstrolch mit seinem Heiratsschwindler-Charme sollte sich was schämen! Pfui auf diesen Mann!




Russische Aktivisten und Künstler Pjotr ​​Verzliov Aktien Mehrere provokativ und politisch aufgeladenen Künstlerische Darbietungen des Voina Group und der feministischen Punk Collective Muschi Riot.www.OsloFreedomForum.com OsloFreedomFrm @ # OFF12

Weißte was: Pussy Riot, Du hast eine Vollmeise und ich kauf dein Album nicht.






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Update vom 24.08


Sendung auf Radio Flora vom 24.08.
Diskussion mit insgesamt mehr als 700 Kommentaren auf Facebook hier (Nicht mehr öffentlich, seit 30.08 Wer sie lesen will, der möchte mich bitte anschreiben)




Kommentare:

Ingeborg Fachmann hat gesagt…

fehler: "angegriffen" und nicht "angegriffe" andere schreibfehler und denkfehler bitte gerne anmerken!

Ingeborg Fachmann hat gesagt…

Wusstest Du, dass es ab dem frühen Mittelalter angeblich mal "en vogue" war als Märtyrer zu sterben? Da gab es echte (!) Märtyrer und tatsächliche Opfer mit großen hohen Zielen und Visionen und im Gegensatz zu diesen auch noch echte Drama-Opfer, die sich per inszeniertem Drama mit Hinrichtungsfolge (Kalkuliert genau am "richtigen" Ort das "Falsche" tun) erhofften später heilig gesprochen zu werden.

Sie wussten also ganz genau, was sie machen mussten um in der Folge einen Märtyrertod zu sterben, um somit ihre Heiligen-Karriere im diesseiten Leben zu machen. Auch sie dachten, sie würden - wie div. Flugzeugentführer das heute noch denken - dadurch außerdem im Paradies aufwachen. Sie konnten dann zufrieden im " Hexenfeuer" o.ä. entschlummern, wissend oder hoffend dass ihre Reliquien schon bald viel wert sein würden, während der Nachbar womöglich nicht in die Geschichte der Menschheit eingehen würde, was nämlichen wiederum sicher auch so manches mal ein wenig fuchste!

Aber zurück zu unseren heiligen Popstars. Und die Eltern waren auch stolz! "Was ist denn aus ihren Jungen geworden, Frau Walppurgen? Meiner ist jetzt Hufschmied bei Hofe!" "Ach, was sie nicht sagen, Frau Barbel, der meinige ist doch jetzt Märtyrer und ich bin sehr stolz. Er wurde doch schon letztes Jahr verbrannt und wir warten jetzt auf seine Heiligsprechung! Wir dachten schon aus dem Knaben wird nüscht mehr, aber dann hat er mich uns seinen Vater noch so glücklich gemacht" "Ach, toll, er hatte da noch diesen Socken bei uns vergessen, den werd ich mal schön aufbewahren, nech, man weiß ja nie, was das Zeug mal wert ist!" "So isses meine Liebe!" "Glückwünsch!"

Da war auch nix von jahrelangem Widerstand und intensiver Aufklärungsarbeit, nee meist eine durchgeknallte Spontanaktion und schnell noch eine folgende, bis das Unvermeidliche eintrat. Erst dann hatte man sein Ziel erreicht. Nachzulesen unter anderem bei Karlheinz Deschner "Und abermals krähte der Hahn"

Ingeborg Fachmann hat gesagt…

Und nochwas: Ich war selbst mal Anfang 20. Da macht man so viel Scheiße, dass man sich hinterher nur ans Hirn greifen kann. Wie alt sind die? 22!!! Oh, Mann, Mädchen!

Martin Lindner hat gesagt…

letztlich ist ja die frage: ist das gut, als musik/performance? und die antwort ist: ja doch, jedenfalls die "band"-auftritte. es klingt wie mädchenpunk 1977, aber nicht nachgemacht. (natürlich ist das alles unverantwortlich und artschool-zeugs, aber das waren die sex pistols auch.)

im übrigen ist "Ingeborg Fachmann" ein extrem guter name.

Ingeborg Fachmann und Johnny Frühling hat gesagt…

dankeschön! :-)

Hüblerplatz hat gesagt…

Wo gibt es denn die Videos?

Ingeborg Fachmann und Johnny Frühling hat gesagt…

Im Internet.